Freitag, 1. Juni 2012

Peinlich – oder: Jeder fühlt anders


Peinlich war mir, als meine jüngste Tochter vor einigen Jahren zusammen mit mir an die Tür kam. Unser Handwerker hat geklingelt. Er ist extrem groß und extrem breit. Clio sagte zu ihm statt einer Begrüßung: „Bist du aber dick!“ Für so etwas kann man sich nur entschuldigen und hoffen, dass es bald vorbei geht.

Peinlich war mir neulich am Telefon, als ein neuer Kunde anrief und ich ihn fälschlicherweise für eine Frau gehalten und auch so angesprochen habe. Es war ein Mann. Der Mann sollte schleunigst etwas für seinen Testosteronspiegel tun.

Peinlich war mir als wieder einmal jemand der Auffassung war, dass die AuPairs doch froh sein sollten nach Deutschland kommen zu können und so schön zu wohnen und zu leben. Das hätten die armen Mädchen ja nicht zu Hause. Dieser jener hat leider vergessen, dass die Zeiten sich gewandelt haben und dass nicht jedes AuPair, das aus Afrika oder Asien anfliegt, aus dem Slum oder dem Busch kommt. Dieser jener hatte nicht mitbekommen, dass Deutschland seit Jahren in einer selbstverschuldeten Stagnationsphase ist und alle anderen dabei sind uns zu überholen. Vor allem hatte dieser jener etwas rassische Ansichten, die man nicht haben sollte, wenn man sich junge Menschen aus dem Ausland ins Haus einlädt.

Peinlich war mir, als ich meiner Partnerin aus Indonesien erklären musste, dass es tatsächlich der Wahrheit entspricht, dass meine Kunden (junge Familie mit 4 Kindern und gut ausgebildeten Eltern) KEINEN Internetzugang zu Hause haben. Tut mir leid, aber so etwas ist mir peinlich.

Peinlich war mir, als wir vor einiger Zeit Gäste hatten, die alles aufgegessen haben. Ich habe slawisches Blut und das schlimmste was den Slaven passieren kann, ist, dass Gäste nicht ausreichend bewirtet werden. Nur ein Gast, der zufrieden und mit vollem Bauch aus der Tür kullert und immer noch viel auf dem Tisch übrig gelassen hat, macht mich zufrieden. Ich will, dass die Frauen ihre Hosenknöpfe unauffällig öffnen und die Männer das Rülpsen unterdrücken müssen. Wenn Gäste alles aufgegessen haben und nichts übriggeblieben ist, sterbe ich 1000 Tode, weil ich das Gefühl habe, dass sie bei mir hungern müssen.

Allerdings ist mir nicht peinlich: laut zu lachen, mit Lockenwicklern Auto zu fahren, auf dem Parkplatz die Fingernägel zu lackieren, nicht regelmäßig zum Frisör zu gehen, Tippfehler in Texten zu hinterlassen, einen unkrautverseuchten Vorgarten zu haben, ein Schlammbespritztes Auto zu fahren, literweise Kondensmilch zu trinken,….

Jede fühlt anders – ist das nicht aufregend?!

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